Die Universität Bayreuth hatte Anfang der Woche Guttenberg den Doktorgrad aberkannt. Begründet wurde dieser Schritt mit der Feststellung, dass Guttenberg durch die Nichtangabe von verwendeten Fremdtexten schwerste „wissenschaftliche Verfehlungen“ begangen hätte. Dekan Bormann stellte klar, dass nicht untersucht wurde, ob eine Täuschung vorgelegen hat oder nicht.

Wie jetzt? Es war möglich „wissenschaftliche Verfehlungen“ festzustellen, weil Fremdtexte ungekennzeichnet übernommen und Quellen nicht genannt wurden, aber eine Täuschung nicht? Dabei wäre, anhand der Promotionsordnung der Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät, eine Täuschung der einzig gangbare Weg gewesen, rechtlich sicher eine Promotion nachträglich abzuerkennen, ohne auf den Goodwill des jeweiligen Doktors vertrauen zu müssen.

Dekan Bormann sagte zudem: „Einen Täuschungsvorsatz nachzuweisen ist sehr komplex und langwierig, zumal zu Guttenberg diesen Vorwurf bestreitet…“

Ist dem so? Wann ist eine vorsätzliche Täuschung gegeben?

Der Verwaltungsgerichthof Baden-Württemberg entschied in einem Beschluß (VGH Baden-Württemberg Beschluss vom 13.10.2008, 9 S 494/08):

Leitsätze

1. Die nicht gekennzeichnete Übernahme kompletter Passagen aus dem Werk eines anderen Autors in einer Dissertation beinhaltet eine Täuschung über die Eigenständigkeit der erbrachten wissenschaftlichen Leistung. Sofern sie planmäßig und nicht nur vereinzelt erfolgt, kann sie die Hochschule zur Entziehung des verliehenen Doktorgrades berechtigen.

2. Auf den Umfang der abgeschriebenen Stellen sowie auf die Frage, ob die Arbeit auch ohne das Plagiat noch als selbständige wissenschaftliche Arbeit hätte angesehen werden können, kommt es grundsätzlich nicht an.

Seltsam. Der erste Leitsatz entspricht genau dem, was die Universität Bayreuth Guttenberg vorwirft. In der Begründung heisst es weiter:

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Der Plagiatsvorwurf trifft den Kläger auch nicht nur vereinzelt oder im Sinne einer unsachgemäßen Handhabung der Zitierweise; vielmehr lassen die von der Beklagten im Wege der Stichprobenprüfung aufgefundenen Stellen den Schluss zu, dass der Kläger fremde Passagen wiederholt und planmäßig als eigenständige wissenschaftliche Arbeit ausgewiesen hat. Eine systematische und planmäßige Übernahme fremden Gedankenguts ergibt sich bereits daraus, dass sich die Plagiate an mehreren Stellen der Dissertation auffinden lassen und verschiedene Fremdautoren betreffen.

Wir halten fest: Es war für diesen Beschluss keine komplette Untersuchung und Dokumentation nötig, um zum Schluss zu kommen, dass eine Täuschung und eben nicht eine „unsachgemäße“ Zitierweise vorlag. Stichproben waren ausreichend, um festzustellen, dass die Plagiate an mehreren Stellen zu finden waren und verschiedene Verfasser betrafen. Dies war für den VGH Grund genug, um eine systematischen Täuschung zu erkennen.

Schauen wir weiter:

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Bei den – im Übrigen nicht auf einem systematischen Abgleich, sondern nur auf Stichproben beruhenden – Übernahmepassagen handelt es sich auch nicht um bloße Bagatellverstöße. Dies ergibt sich einerseits bereits aus der Tatsache, dass die vermeintlich eigenständige Leistung im Erstgutachten ausdrücklich angesprochen und gewürdigt worden ist („… Probleme, für die Herr E. guten Blick zeigt“). Auch in quantitativer Hinsicht kann die Übernahme aber nicht als völlig unbedeutend eingestuft werden, weil sie sich insgesamt jedenfalls auf mehrere Seiten erstreckt und vom Kläger wiederholt und in Bezug auf verschiedene Autoren eingesetzt worden ist.

Auch die Universität Bayreuth erklärte in ihrer Stellungnahme, dass es sich bei Guttenbergs Verfehlungen nicht um einen Bagatellfall handele. Dies wird im Fall Guttenberg dadurch deutlich, da die Dissertation mit „summa cum laude“, also der Bestnote, benotet wurde. Verweist man jetzt darauf, dass der Entzug des Grades sich darauf, dass es „wissenschaftliche Verfehlungen“ gab, aber keinerlei Täuschung, so wirkt dies unglaubwürdig. Wären es einfache Verfehlungen gewesen, ohne eine Täuschung der Berichterstatter, hätten diese die Verfehlungen erkennen müssen. Da dies nicht geschehen ist, lag eine Täuschung vor. Hierbei wurde die Frage, ob diese Täuschung bewusst oder unbewusst war, schon allein über das Ausmaß der Plagiate beantwortet.

Folgen wir weiter dem Beschluss:

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c) Die wörtliche Wiederholung der Vorlagetexte einschließlich der sprachlichen Eigentümlichkeiten und Formulierungen lässt auch keinen anderen Schluss zu, als dass der Kläger die Passagen unmittelbar abgeschrieben hat. Jedenfalls soweit ein Verweis auf die Fundstelle ganz unterblieben ist, liegt daher unzweifelhaft eine Täuschung über die Urheberschaft der Gedanken vor. Gleiches gilt indes auch, soweit kleinere Änderungen – insbesondere in Form von Umgruppierungen wiederum fast wörtlich übernommener Passagen – vorgenommen worden sind. Auch insoweit ist die Gedankenführung nicht eigenständig entwickelt und darüber getäuscht worden, dass die wissenschaftliche Leistung von einem Anderen stammt (vgl. Senatsurteil vom 18.11.1980 – IX 1302/78 –, ESVGH 31, 54). Die Vorgehensweise der Umstellungen und der Syntaxvariationen belegt im Übrigen die gezielte Verschleierungsabsicht des Klägers (vgl. auch VG Frankfurt, Urteil vom 23.05.2007 – 12 E 2262/05 –).

Hier werden Täuschung und Täuschungsabsicht herausgearbeitet. Auch dies hätte die Universität Bayreuth in relativ kurzer Zeit auch feststellen können, in gleicher Weise, wie sie angeblich auch festgestellt hat, dass es „wissenschaftliche Verfehlungen“ gab. Zumal das GuttenPlag-Wiki-Projekt der Universität schon zugearbeitet hat. Es wäre ausreichend gewesen, sich den Zwischenbericht vorzunehmen und selbst einige der Stellen zu überprüfen. In einem Tag hätten sich sicherlich genug Beweise für eine absichtliche Täuschung dokumentieren lassen, um mit dem Beschluss des VGH Baden-Württemberg argumentieren zu können! Zu groß und offensichtlich sind diese Verfehlungen. Dass dies nicht geschehen ist, kann man nur damit begründen, dass es nicht gewollt war.

Allerdings kommen mittlerweile auch andere Töne aus Bayreuth. Prof. Oliver Lepsius, Professor für Staatsrecht und Nachfolger Prof. Häberles, welcher Guttenbergs Doktorvater war, sagte gegenüber der Süddeutschen Zeitung: „Wir sind einem Betrüger aufgesessen. Es ist eine Dreistigkeit ohnegleichen, wie er honorige Personen der Universität hintergangen hat.“ Lepsius merkte noch an, dass der Verteidigungsminister „unter Realitätsverlust leide“.

Zu den Grundanforderungen wissenschaftlichen Arbeitens gehört aber gerade, dass der Beitrag auf eigenständigen Erwägungen beruht und nicht bloß Passagen aus dem Werk eines anderen Autors übernimmt. Der Senat hat daher bereits klargestellt, dass nur eine unter Offenlegung aller verwendeten Quellen und Hilfsmittel erbrachte wissenschaftliche Leistung den Anforderungen an eine eigenständige Dissertation genügt. Die wörtliche oder sinngemäße Übernahme von Textpassagen aus fremden Werken ohne hinreichende Kennzeichnung verstößt daher gegen die Grundsätze des wissenschaftlichen Arbeitens und schließt damit die Annahme einer Arbeit als Dissertation im Regelfall aus (vgl. Senatsurteil vom 18.11.1980 – IX 1302/78 –, ESVGH 31, 54; Bay.VGH, Urteil vom 04.04.2006 – 7 BV 05.388 –, BayVBl. 2007, 281).
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