Rund um die Guttenberg-Affäre konnte man so manchen Unsinn von Guttenberg-Anhängern lesen. Das ist erst einmal kein Problem – immerhin herrscht Meinungsfreiheit. Aber oft wird klar, dass viele Menschen keine Ahnung haben, worüber sie sich eigentlich äussern: Blankes Unverständnis tritt zutage. Nicht selten gepaart mit einer latenten Intellektuellenfeindlichkeit.

Mir lief gerade ein Artikel über den Weg, welcher diesen Schluss nahelegt: Der Autor fragt, ob ein Jurist ein Wissenschaftler sei.

  1. Ein Jurist muss kein Rechtsanwalt sein. Karl-Theodor zu Guttenberg ist Jurist. Er hat das erste Staatsexamen abgelegt, aber nicht das Zweite. Somit kann er gar nicht als Rechtsanwalt arbeiten. Daran hätte auch eine Promotion nichts geändert. Allerdings sagt der Doktorgrad aus, dass der Inhaber dieses Grades zu vertiefenden Studien und Forschen befähigt ist.
  2. Ein Rechtsanwalt muss genauso wenig ein Wissenschaftler sein, wie ein Arzt keiner sein muss. Dennoch gibt es Mediziner, die forschen und Wissenschaft betreiben.
  3. Dies trifft aber nicht auf Juristen zu, die sich mit Rechtstheorie, Rechtsphilosophie oder Rechtsgeschichte auseinandersetzen. Oder mit speziellen Fachrichtungen. Wissenschaftliche Fragen wären: Woher kommt Recht, wie ist Recht aufgebaut, welche Prinzipien gelten, wie hat Recht angewendet zu werden, wie werden Begriffe definiert, was sind die in rechtlicher Hinsicht die Herausforderungen, welche sich aus dem technologischem Fortschritt ergeben, usw.? Dies sind Dinge, die erforscht werden müssen, da auch die Rechtswissenschaft nicht stillsteht.
  4. Recht besteht nicht nur aus bestehenden Verträgen, Gesetzen, Urteilen, Beschlüssen und Entscheidungen. Diese wollen auch korrekt eingeordnet und ausgelegt werden. Dazu werden auch immer wieder neue Verträge und Gesetze gemacht. Diese entstehen nicht aus dem luftleeren Raum. Sie sind an Prinzipien und Gesetzmäßigkeiten gebunden, die ähnlich entdeckt und erkundet werden müssen, wie Naturgesetze.
  5. Die Arbeitsweise von Rechtswissenschaftlern unterscheidet sich in keiner Weise von der Arbeitsweise anderer Wissenschaftler, und „Wissenschaft“ bedeutet, dass „Wissen geschaffen“ wird. Das kann auch Wissen zur Jurisprudenz sein, welche mit der Philosophie zusammen eine, der ältesten Wissenschaften überhaupt ist.

Somit ergibt sich auf die Frage, ob ein Jurist ein Wissenschaftler sei: Ja, wenn dieser Jurist forscht und eine wissenschaftliche Arbeit verfasst, wie es für eine Promotion nötig ist, dann ist er Wissenschaftler. Ist er allerdings ein Rechtsanwalt, der sich ausschließlich mit den Fällen seiner Mandaten beschäftigt, dann nicht.

Übrigens: Wenn sich die wissenschaftliche Welt einig darüber ist, dass die Rechtswissenschaft eine Wissenschaft ist – diese also wissenschaftlichen Prinzipien zufolge ausgeübt wird –, sollte man seine Gedanken zu dem Thema mit der Faktenlage abgleichen.

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