Bradley Manning

Bradley Manning am 4. September 2009 (Quelle: Wikipedia)

Seit Mai letzten Jahres sitzt Bradley E. Manning im US-Militärgefängnis Quantico unter unmenschlichen Haftbedingungen in Isolationshaft. Ihm wird vorgeworfen, geheime US-Unterlagen an die Internetplattform Wikileaks weitergegeben zu haben. Die Anklage lautet auf „Geheimnisverrat“, „unerlaubten Übertragens geheimer Informationen“, sowie weiteren Anklagepunkten, inklusive „Kollaboration mit dem Feind“, wofür Manning die Todesstrafe droht.

Wer ist aber Brad Manning und was waren seine Motive die 260.000 Diplomaten-Depeschen und das „Collateral Murder“-Video an Wikileaks weiterzugeben? Folgt man dieser Frage, bekommt man nicht nur einen erschreckenden Einblick in die us-amerikanische Irakpolitik und mögliche Kriegsverbrechen, sondern entlarvt auch die aktuelle Politik des Westens gegenüber den Demokratiebewegungen in der arabischen Welt, die mehr Demokratie und die Einhaltung Menschenrechte fordern, als verlogen und scheinheilig.

Versuche es und finde heraus, wie ich meine Seite der Geschichte herausarbeiten könnte… Bevor alles verdreht wird, um mich wie Nidal Hassan [us-amerikanischer Militärpsychologe jemenitischer Abstammung, der am 5. November 2009 als Amokläufer in Fort Hood 13 Menschen erschoss] aussehen zu lassen.

Bradley Manning wurde am 17. Dezember 1987 in Crescent/ Oklahoma als Sohn eines ehemaligen US-Soldaten und einer Waliserin geboren und wuchs in Crescent auf, einer Gegend, „in der es mehr Kirchenbänke als Menschen gab“. Manning galt schon als Kind als sehr intelligent und aufgeweckt. In der Schule verweigerte er Hausaufgaben, die mit der Bibel zusammenhingen und schwieg an der Stelle mit dem Gottesbezug beim Aufsagen des Fahnenschwurs.

Ich möchte, dass die Menschen die Wahrheit sehen… Gleichgültig wer sie sind… Denn ohne Information kann man als Öffentlichkeit keine fundierten Entscheidungen treffen.

Im Alter von 13 Jahren fing Manning an seine Homosexualität zu realisieren, die er offen auslebte, weshalb er sich mit seinem strengen Vater überwarf und letztlich vom elterlichen Heim ausziehen musste, verheimlichte dies aber gegenüber der US-Armee.

Hätte ich damals gewusst, was ich heute weiss… […] Oder vielleicht bin ich auch einfach nur jung, naiv und dumm… […] Ich hoffe das Erstere. Es kann nicht das Letztere sein, denn wenn es so ist… Dann sind wir verdammt noch einmal erledigt – als Gesellschaft – und ich mag nicht glauben, dass wir erledigt sind.

Im Oktober 2007 trat Bradley in die US-Streitkräfte ein und wurde nach Beendigung der Grundausbildung im Jahre 2008 in Fort Drum (Jefferson County, New York)  zum Nachrichtenanalysten ausgebildet. Dort lernte er Tyler Watkins kennen, mit dem er eine Beziehung führte. Watkins studierte an der Brandeis Universität nahe Boston Neurowissenschaften und Psychologie und machte Manning mit der Hackergemeinschaft der Universität bekannt, deren liberale Werte, wie Informationsfreiheit, Manning teilte.

Information sollte frei sein. Sie sollte Gemeingut sein.

Zwei Jahre nach dem Eintritt in die Armee wurde Manning in den Irak, zum Stützpunkt Forward Operating Base Hammer, nahe Bagdad verlegt, wo er als Nachrichtenanalyst in einem Aufklärungs- und Nachrichtendienstbataillon tätig war und Zugang zu geheimen, militärischen und diplomatischen Datenbanken hatte. Im Mai 2010 sollte er angeblich aus psychischen Gründen aus dem Militärdienst entlassen werden, wobei Traumatisierungen und eine Anpassungsstörung diagnostiziert sein sollen.

Auf den ersten Blick schien es nur danach, dass ein paar Kerle von einem Hubschrauber erschossen wurden. Keine große Sache… Es gibt zwei Dutzend mehr, wo das [Video] herkam, nicht wahr? Aber etwas kam mir merkwürdig vor, mit der Van-Sache, und auch die Tatsache, dass es in einem Verzeichnis eines JAG Offiziers [„Judge Advocate General’s Corps“ – die oberste Justizinstanz der US-Streitkräfte] gespeichert war. Also habe ich reingeschaut.

Offenbar war Brad Manning mit seinen Situation in der Armee sehr unglücklich. Nicht nur aufgrund seiner Aufgaben, die sich nicht selten mit Putzen und Kaffeeholen erschöpften, sondern auch aufgrund der Dinge, mit denen er konfrontiert wurde. Das „Collateral Murder“-Video entdeckte Manning augenscheinlich eher durch Zufall und seine Neugier ließen ihn Zeit und Ort des Angriffs finden. Er forschte nach und fand einen Artikel in der „New York Times“, welcher von getöteten „Aufständischen“ und Journalisten sprach, was offensichtlich nicht den Tatsachen entsprach.

Hoffentlich gibt es eine weltweite Diskussion, Debatten und Reformen. Falls nicht, dann sind wir dem Untergang geweiht. Als Spezies. Ich werde unsere Gesellschaft offiziell aufgeben, wenn nichts passiert.

Dabei schien ihm besonders an die Nieren gegangen zu sein, dass das US-Militär nicht nur ganz selbstverständlich unschuldige Zivilisten tötete, ohne dass dies Konsequenzen nach sich zog, sondern auch noch bereit war, die politische Repression der augenscheinlich korrupten, irakischen Regierung aktiv zu unterstützen und so demokratische Freiheiten und Menschenrechte in nahezu verbrecherischer Art und Weise mit Füßen trat – und er als Soldat war Teil des Ganzen.

Diese Vorwürfe Mannings wiegen schwer – vor allem heute, wo sich sämtliche westliche Politiker, inklusive dem Friedensnobelpreisträger Obama, von den nun gefallenen Diktatoren, wie Ben Ali oder Mubarak distanzieren, die Menschenrechtsverletzungen anprangern und die Demokratiebewegungen begrüßen.

Ich sah, wie 15 Personen von der irakischen Bundespolizei abgeführt wurden… Dafür, dass sie „anti-irakische Literatur“ gedruckt haben… Die irakische Bundespolizei kooperierte nicht mit den US-Streitkräften, also wurde ich angewiesen die Sache zu untersuchen, herauszufinden, wer die „bösen Jungs“ waren und welche Bedeutung das alles für die Bundespolizei hatte…

Es stellte sich heraus, dass sie akademische Kritikschriften gegen Premierminister Malaki gedruckt haben… Ich hatte einen Übersetzer. Als ich herausfand, dass dies wohlwollende, politische Kritik mit dem Titel „Wohin ist das ganze Geld geflossen?“ war, welche der Korruptionsspur innerhalb des Kabinetts folgte, habe ich die Information genommen und bin zum Offizier gerannt, um zu erklären, was da vor sich ging. Er wollte nichts davon hören… Er sagte mir, ich solle den Mund halten und ihm erklären, wie man der Bundespolizei helfen könne, mehr Delinquenten zu finden…

Was hätte Manning tun sollen? Sein Idealismus, seine humanistische Grundhaltung und die Tatsache ein sensibler Mensch zu sein, der fast täglich die Zukunft anderer, ihm fremder Menschen beeinflusste, aber keine emotionale Distanz zu seinem Tun schaffen konnte, führten schließlich dazu, dass sich Manning nicht anders zu helfen wusste, als die geheimen Informationen, welche den offiziellen Verlautbarungen widersprachen, anonym an Wikileaks weiterzugeben.

Ich habe mich immer gefragt, wie Dinge funktionierten und nachgeforscht, um die Wahrheit zu finden… Aber das war der Punkt, an dem ich Teil von etwas war. Ich war aktiv in etwas involviert, das ich gänzlich ablehnte…

Bradley Manning war selbst erstaunt, wie einfach es war an die Informationen zu kommen, obwohl er als Obergefreiter eigentlich keinen Zugang hätte haben dürfen, und wie einfach es war, diese Informationen nach außen zu geben: Er kopierte sie auf eine mit Musik bespielte CD-RW, welche mit „Lady Gaga“ beschriftet war, die er zuvor mitbrachte und musste die CD beim Rausgehen nicht einmal verstecken. Er gab an, dass es normal war, dass Soldaten ihre CDs mitbrachten, Musik hörten oder CDs für den Privatgebrauch an den Workstations brannten und diese wieder mitnahmen. Das einzige Problem war der Internetzugang, der an diesen Rechnern nicht zur Verfügung stand.

Auch hatte er keine Angst erwischt zu werden: Aufgrund der vielen Systemupdates, änderten sich ständig die IP-Adressen, Logfiles und Festplatten wurden häufig gelöscht.

Ich meine, wir sind besser in einigen Belangen… Wir sind subtiler… Benutzen mehr Worte und rechtliche Kniffe, um alles zu legitimieren. Das ist besser, als einfach mitten in der Nacht zu verschwinden. Aber nur, weil etwas subtiler ist, macht es das Ganze nicht richtig.

In Mai 2010 vertraute sich Bradley Manning, bezüglich der Weitergabe des „Collateral Muder“-Videos und der Diplomaten-Depeschen, ganz arglos dem Hacker Adrian Lamo in einem Chat an, welcher Manning daraufhin bei den US-Behörden denunzierte. Seit dem 26. Mai 2010 ist Manning inhaftiert und seit Juli 2010 wird offiziell Anklage erhoben. Allerdings gibt es außer dem Chatlog mit Lamo keinerlei stichhaltige Beweise gegen Bradley Manning, der jegliche Zusammenarbeit mit den Ermittlungsbehörden verweigert.

Die von Mannings Anwalt David Coombs beschriebenen Haftbedingungen, unter denen Bradley Manning zu leiden hat, sind unmenschlich: Er muss 23 Stunden am Tag in einer 6,7 m² „großen“ Zelle verbringen, welche 24 Stunden am Tag videoüberwacht wird. Körperliche Ertüchtigung ist ihm untersagt. Ein Kopfkissen oder eine Decke werden ihm, wie auch Kontakt zu Mithäftlingen, Nachrichten oder aktuelle Informationen, verwehrt. Seine Unterbringung entspricht dem Supermax-Standard, also der Hochsicherheitsverwahrung für schwerstkriminelle Gewaltverbrecher. Besuch bekommt er nur von seinem Verteidiger und von David House, einem Freund. Manning wurde hierbei angekettet, obwohl hierfür keinerlei Veranlassung bestand, da sich Manning niemals aggressiv verhalten hat. Auch während seines einstündigen Hofgangs ist Manning gefesselt. Auch hierbei ist er alleine und wird zurück in seine Zelle gebracht, sobald er mit dem Gehen aufhört.

Manning durfte bis März nur in Unterhosen schlafen, wobei er sich wegen dem festen, rauen Bettlaken Schürfwunden zuzog. Schlafen darf er sowieso nur von 20 Uhr bis 5 Uhr. Versucht er außerhalb der zulässigen Zeiten zu schlafen, so wird er von den Wachen gezwungen aufzustehen oder sich aufrecht hinzusetzen. Um zu verhindern, dass Manning sich selbst verletzt oder versucht sich umzubringen, wird er alle fünf Minuten von den Wachen kontrolliert. Ein Antrag, diese Kontrollen aufzuheben und die Haftbedingungen zu verbessern, wurde am 2. März abgelehnt, gleichwohl der Militärpsychologe eine sehr geringe Selbstmordgefährdung bestätigte.

House, der ihn zweimal im Monat sehen darf, erkärte, dass die physische und psychische Verfassung Bradleys sehr schlecht sei und man einen geistigen Verfall beobachten kann, da aus einem intelligenten, jungen Mann, eine „katatonische Person“ wird, „die kein Gespräch mehr führen kann“.

Coombs berichtete darüber hinaus Anfang des Monats, dass ohne jegliche Erklärung Manning die Kleidung abgenommen wurde und er sich in der Nacht für sieben Stunden nackt in der Zelle verbringen, sowie sich zur Morgeninspektion so vor der Zelle präsentieren muss. Hintergrund ist wohl der abgelehnte Antrag auf eine Verbesserung der Haftbedingungen, welcher Coombs veranlasst die Verantwortlichen zu fragen, was er tun könne, um dies zu erreichen – was mit „gar nichts“ beantwortet wurde. Coombs sagte daraufhin, dass Manning sich auch mit seinen Flipflops oder dem Gummiband in seiner Unterhose hätte umbringen können, wenn er dies gewollt hätte. Eine offizielle Erklärung gibt es nicht. Der Mannings Anwalt sieht darin nur eine weitere Gängelung und Erniedrigung seines Mandanten, der damit gebrochen werden soll.

Die Haftbedingungen und Vorfälle wurden von offizieller Seite bestätigt, aber für angemessen betrachtet.

Amnesty International schickte im Januar eine Protestnote an den verantwortlichen US-Verteidigungsminister Gates und forderte die britische Regierung auf, sich für Bradley Manning einzusetzen, der neben der us-amerikanischen Staatsbürgerschaft, auch die Britische besitzt.

Der UN-Sonderberichterstatter über Folter Manfred Nowak leitete aufgrund der Beschwerden im letzten Jahr ein Untersuchungsverfahren ein, welches von seinem Nachfolger Juan E. Méndez in diesem Jahr offiziell weiterverfolgt wird.

Und Obama? Was tut Obama als Präsident und Friedensnobelpreisträger angesichts der offensichtlichen Menschenrechtsverletzungen in seinem eigenen Land und der aktiven Unterstützung einer weiteren korrupten, von ihr instanzierten, arabischen Herrschaftselite bei der Unterdrückung ihrer Bevölkerung?

Übrigens: Zu den eigenen ethisch-moralischen Überzeugungen zu stehen und Kriegsverbrechen, Lügen, Manipulationen und Verletzungen der Menschenrechte aufzudecken ist kein Verbrechen – es ist Ausdruck von Zivilcourage! Menschenrechte zu verletzen, sowie persönliche und politische Freiheiten zu beschränken, dagegen schon!

Unterstützerwebsite: http://www.bradleymanning.org/
Bradley Manning: http://de.wikipedia.org/wiki/Bradley_Manning
Auf  Wired veröffentlichten Chatlogs von Adrian Lamo: http://www.wired.com/threatlevel/2010/06/wikileaks-chat/
„New York Times“-Artikel zum Angriff auf die beiden Reuters-Journalisten: http://www.nytimes.com/2007/07/13/world/middleeast/13iraq.html?_r=1

Advertisements