Beschädigtes Kernkraftwerk Fukushima Daiichi, Japan, am 16. März 2011:  Dies ist ein Satellitenbild, welches die Zerstörungen am Kernkraftwerk Fukushima 1 nach dem Erdbeben, dem Tsunami und den verheerenden Explosionen zeigt. (Urheber: DigitalGlobe, cc-by-sa 3.0) www.digitalglobe.com

Beschädigtes Kernkraftwerk Fukushima Daiichi, Japan (Urheber: DigitalGlobe, cc-by-sa 3.0, http://www.digitalglobe.com)

Häppchenweise, und dann auch nur soweit, wie vorher schon bekannt war. Aber die Öffentlichkeit in Japan solle sich keine Sorgen machen. Alles ist unter Kontrolle und es gehe keine gesundheitliche Gefahr vom havarierten Kraftwerk aus.

Das ist der Tenor der japanischen Regierung und des AKW-Betreibers TEPCO. Die Wahrheit sieht allerdings anders aus. Während man eine Kernschmelze vor einer Woche noch ausgeschlossen hatte und höchstens die drohende Möglichkeit einer solchen Kernschmelze in Erwägung zog, herrscht heute zu dem Thema Totenstille. Das Wort Kernschmelze wird nirgends erwähnt. Nebensächlich gibt TEPCO bekannt, dass in den betroffenen Reaktoren 70% der Brennstäbe „beschädigt“ seien und die meisten Medien stellen gar nicht mehr in Frage, ob eine Kernschmelze erfolgt sei oder nicht. Es wird als gegeben angenommen.

Auch schlossen die offiziellen Stellen aus, dass die freigesetzte Strahlung eine Gefährdung der Bevölkerung darstellt. Zahlen werden meist nicht mitgeteilt, bis von anderer Seite Messwerte preisgegeben werden. Es seien nur „geringe Mengen“ Radioaktivität freigesetzt worden. Kaum nennenswert, ungefährlich, unbedenklich. Kurze Zeit später kommt dennoch das Ausmaß heraus. So geschehen bei der Kontamination des Trinkwassers, der Nahrungsmittel oder bei der Verseuchung des Meeres.

17.40 Uhr: In den Pazifik-Gewässern nahe dem Unglücksreaktor Fukushima I ist dem Betreiber Tokyo Electric Power (Tepco) zufolge eine geringe Menge Radioaktivität nachgewiesen worden. Eine unmittelbare Gefahr gehe davon nicht aus.

22.09 Uhr: Der japanische Kraftwerksbetreiber Tepco stellt in unmittelbarer Nähe des havarierten Atommeilers Fukushima 1 stark erhöhte Konzentrationen radioaktiver Substanzen im Meerwasser fest. In etwa 100 Metern Entfernung zur Unglücksstelle sei eine knapp 127-fach erhöhte Belastung mit Jod 131 gemessen worden, sagt ein Vertreter des Unternehmens am Dienstag (Ortszeit).

Quelle: „Welt“ Newsticker

Premierminister Naoto Kan

Premierminister Naoto Kan (Urheber: midorisyu, cc-by, http://www.flickr.com/photos/midorisyu/)

Jetzt warnt die WHO sogar vor dem Verzehr von Nahrungsmitteln aus der Region und die japanische Regierung hat den Verkauf von Nahrungsmitteln aus vier betroffenen Präfekturen verboten, während einen Tag davor, noch gebeten wurde, doch bitte freiwillig darauf zu verzichten, das unbedenkliche Gemüse in Verkehr zu bringen. Auch der Gebrauch von Trinkwasser wurde untersagt und die Bevölkerung mit Mineralwasser aus Flaschen versorgt, wobei es am Vortag noch hieß, dass man nur Babys dieses Wasser nicht geben sollte. Dabei sind teilweise die Messergebnisse schon fast eine Woche alt und diese übersteigen selbst die großzügigen, japanischen Grenzwerte um ein Vielfaches.

Es stellt sich immer mehr heraus, dass gelogen und verheimlicht wird, und die Situation alles andere als unbedenklich ist.

Allerdings hält das Kernenergiebefürworter nicht davon ab, die Geschehnisse herunterzuspielen, sich über Alarmismus zu beklagen, Kernkraftgegner gezielt zu diffamieren und die Vorzüge und Sicherheit der Atomkraft auf die Art anpreisen, welche schon seit den 50ern Jahren bekannt ist und deren Prophezeiungen sich als blanke Science-Fiction erwiesen haben. Schlimmer: Die durchschaubaren Beschwichtigungsversuche der japanischen Regierung werden geradezu als Aufforderung begriffen, den Unfall noch weiter herunterzuspielen und es erscheint fast, dass die japanische Desinformationskampagne zumindest in Europa Früchte trägt.

Bleiben wir aber doch bei den Fakten:

Wir haben drei Atomreaktoren, die seit über 10 Tagen keine Kühlung mehr haben, deren Brennstäbe bis zum heutigen Tage zum großen Teil freiliegen, deren Kerne teilweise geschmolzen sind, deren Reaktorhallen durch gewaltige Knallgasexplosionen gesprengt wurden und große Mengen von Radionukliden aus dem Inneren der Reaktoren freigesetzt wurden. Jeder einzelne dieser Vorgänge, bei jedem einzelnen Reaktor wäre schon ein ernstzunehmender Unfall, der die Sicherheit der Technologie in Frage stellt. Dazu kommt noch ein Großbrand in einer Reaktorhalle, welcher nur durch Zufall vom noch verbliebenen Personal entdeckt wurde, und dem Versagen der Kühlung in den Abklingbecken, was das Wasser in den Abklingbecken extrem erhitzte und zur Freisetzung von Strahlung führte. Auch das ein weiterer ernstzunehmender Unfall, der klarmacht, dass nicht nur die Reaktorsicherheit auf dem Prüfstand steht, sondern das gesamte System. Die IAEA bezeichnet die aktuelle Situation als „sehr ernst“. Die WHO zeigt sich anhand der hohen Strahlenwerte in Lebensmitteln „sehr besorgt“.

Aber auf einmal soll das alles kein Problem sein, es sei ja nicht soviel Strahlung ausgetreten, Tschernobyl war viel schlimmer und außerdem ist ja die Lehre aus dem Ganzen, dass alles prima funktioniert hat und selbst Erdbeben und Tsunami einem Atomkraftwerk nichts anheben können. Sicher. Es hat alles prima funktioniert. Außer, dass es vier schwere Atomunfälle gegeben hat, ein Gebiet von mindestens 11.000 km² mit Radionukliden kontaminiert wurde und sich Spaltprodukte in Trinkwasser und Nahrung wiederfinden. Wenn also die Lehre sein soll, dass ja nichts passiert sei und alles prima funktioniert hat, sollten sich einige Leute einem Realitätscheck unterwerfen, denn die Realität sagt etwas anderes und hat zudem eine entscheidende Sicherheitslücke aufgezeigt, den die Befürworter in der Atomdiskussion, wo versucht wird, diese auf das Thema  „Reaktorsicherheit“ zu beschränken, fast immer außer Acht lassen: Von den, in den Abklingbecken gelagerten, Uranbrennstäben ging eine genauso große Gefahr aus, wie von den verunglückten Reaktoren. Das sollte erheblich zu denken geben.

Aber was offenbart sich da für eine naive Denke? Wir haben hier drei Atomreaktoren, die seit über einer Woche nicht mehr gekühlt wurden und das Kühlen von außen ersetzt in keiner Weise den Durchfluss mit gut 100 Tonnen Wasser in der Stunde, die pro Reaktor zur Kühlung benötigt werden. Dann wird die Parole ausgegeben, dass nach dem Einsatz von Hochdruckwasserkanonen eine Besserung in Sicht sei sowie „keine Verschlimmerung mehr zu erwarten sei“. Nur, die Reaktoren sind noch immer stark beschädigt, eine Kühlung der Schmelzen kann noch immer nicht richtig erfolgen und auch das Wiederbefüllen der Abklingbecken mit Wasser hat keines der Probleme aus der Welt geschafft. Es ist keine Lösung, sondern ein Aufschieben. Die Reaktoren und die Abklingbecken werden sich weiterhin erhitzen und die Probleme werden wiederkommen. Das Problem ist erst dann beseitigt, wenn keinerlei Strahlenemissionen mehr in die Umwelt gelangen können. Und nicht vorher! Ob Tschernobyl schlimmer war oder nicht: Tschernobyl ist nach 25 Jahren noch ein Problemfall, aber in Fukushima läuft die Katastrophe noch immer und man sollte seinen gesunden Menschenverstand benutzen, um sich klarzumachen, dass künstliche Jod- oder Cäsiumisotope eine Gesundheitsgefahr darstellen und nicht in die Umwelt gelangen sollten.

Teilweise muss man aber auch wirklich die mentale Gesundheit einiger Menschen in Frage stellen, betrachet man die Beschwichtigungsversuche seitens der Kernkraftbefürworter: Die Lage sei „stabilisiert“ oder „entspannt“, man „sehe mehr als ein Lichtlein am Ende des Tunnels“ und „wenn die Reaktoren erstmal neu geflutet werden können, können wir alle erleichtert aufatmen, dass die erste Phase vorbei ist.

„Stabilisiert“ heisst, dass sich die Lage nicht weiter verschlechtert. Das ist zweifelsfrei gut, aber das heisst nicht, dass jetzt alles wieder gut ist. „Ein Licht am Ende des Tunnels“ ist genauso wenig zu erkennen, wie zu erkennen war, dass der Kraftwerksbetreiber und die japanische Regierung alles unter Kontrolle hatten, zumal es keinerlei konkrete Pläne gibt, wie dann weiter verfahren werden soll. Die Beseitigung der Schweinerei wird sicherlich Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte in Anspruch nehmen, und solange das spaltbare Material nicht gesichert ist, wird immer die Gefahr bestehen, dass Radioaktivität freigesetzt wird. Von einer Entspannung kann nicht die Rede sein! Und es zeugt von ungeheurer Arroganz gegenüber dem Bürger, wenn man behauptet, dass „wir alle erleichtert aufatmen“ können, wenn die Reaktoren neu geflutet werden. Ja, was passiert mit den Abertausenden Tonnen an radioaktivem Salzwasser, die sich derzeit in den Reaktoren und Containments befinden? Und inwiefern kann jemand in Japan „erleichtert aufatmen“, wenn immer häufiger hohe Strahlenbelastungen in Trinkwasser und Lebensmitteln nachgewiesen werden, dass sogar die Weltgesundheitsorganisation der UNO vor dem Verzehr der verseuchten Lebensmitteln warnen muss?

Wie hoch ist eigentlich der wirtschaftliche Schaden, der durch die Kernschmelze entstanden ist? Ich meine, wir haben ein zerstörtes AKW, nachweislich verstrahlte Landschaften, die zumindest teilweise (bsp. um das Kraftwerk selbst) saniert werden müssen, Hunderttausende evakuierte Menschen, die zumindest zeitweilig woanders untergebracht werden müssen, Produktionsausfälle in den evakuierten Gebieten, Bauern, die ihre Ernten wegwerfen müssen, Hunderttausende, die kein Trinkwasser haben und mit Mineralwasser versorgt werden müssen, verschärfte Kontrollen der Strahlenwerte über viele Jahre hinweg, womöglich müssen sogar Häuser und Grundstücke von Firmen und Privatpersonen und öffentliche Einrichtungen im Umkreis von Fukushima aufgegeben werden, und keiner kann jetzt sagen, wie die Strahlenbelastung der Gemüse in den nächsten Jahren in den japanischen Anbaugebieten sein oder wie weit die japanische Fischerei betroffen sein wird. Personenschäden einmal komplett außen vor gelassen. Entsprechende Schätzungen für Deutschland, wenn sich beispielsweise in Biblis ein solcher Unfall ereignen sollte, belaufen sich auf etwa 3 Billionen Euro – also soviel wie das Bruttoinlandsprodukt. Insgesamt belaufen sich die Schätzungen eines Schadens bei einem Unfall innerhalb Deutschland zwischen 2 und 6 Billionen Euro. Selbst wenn es weniger als 2 Billionen Euro sein sollten: Der Schaden wird immens sein. Ohne jeden Zweifel. Für den Schaden kommt dann sicherlich auch in Japan der Steuerzahler zum Teil auf. Den Rest tragen die Geschädigten. (Mehr Info zu dem Thema: http://www.atomhaftpflicht.de/)

Wieso der Steuerzahler und die Geschädigten, aber nicht der Kraftwerksbetreiber? Nun, ich kann nicht sagen, wie die rechtlichen Bedingungen in Japan sind, aber sie werden sich sicherlich nicht sonderlich von denen hier unterscheiden. Hier ist die Schadensübernahme bei einem Atomunfall auf 2,5 Mrd. Euro gedeckelt und nur hierfür müssen die Betreiber einen Versicherungsschutz vorweisen. Den Rest trägt der Staat bzw. die Geschädigten. Keine Versicherung erstattet Ihnen einen Schaden der durch Kernkraft entsteht, weil nach Angaben der Versicherungswirtschaft das Risiko genauso wenig kalkulierbar und versicherbar sei, wie Krieg oder höhere Gewalt. Ein Blick in das Kleingedruckte sollte ausreichen. Somit sind auch die Kernkraftwerksbetreiber von der Versicherungspflicht ausgenommen.

Wie hoch wäre der Strompreis, wenn eine volle Haftpflichtversicherung in den Strompreis eingepreist wäre? Die Frage ist schon an sich utopisch, denn wie gesagt: Die Versicherungswirtschaft hält Kernkraft für nicht versicherbar.

Sicher, die Zerstörungen des Erdbeben und des Tsunami sind ebenfalls extrem hoch und das Leid der Menschen kann nicht mit Geld wiedergutgemacht werden. Aber seien wir einmal realistisch: Das Erdbeben und der Tsunami waren Naturkatastrophen. Fukushima ist vom Menschen gemacht und wäre vermeidbar gewesen. Soviel steht fest.

Dass sich die Kernkraftbefürworter ausgerechnet aus der Gesellschaftsschicht rekrutiert, die sich sofort Sturm laufen würde, weil deren Immobilienpreise um ein paar Euro sinken drohten, wenn in der Nähe eine Schule, Kindergarten, psychiatrische Einrichtung oder eine Suchtklinik entstünde, aber die einen drohenden Totalverlust im Namen des vermeintlichen Fortschritts einfach so hinnimmt, ist nur ein weiterer Widerspruch der ganzen Sache.

Übrigens: Fortschritt bedeutet, dass man sich von Mentalitäten aufgrund von rationalen Entscheidungen verabschiedet sowie technologische Sackgassen zurücklässt, und ist das Gegenteil von Konservatismus.

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