In den Medien überschlagen sich einmal wieder die Zahlen: Im Meer um Fukushima wurde das 3.355-fache des Grenzwerts für radioaktives Jod gemessen. Gestern war es noch das 1.850-fache und am Tag davor das 1.250-fache… Das sind zweifelsfrei keine guten Nachrichten, aber wichtiger wäre eigentlich der Messwert für die radioaktiven Cäsiumisotope Cs-134 und insbesondere Cs-137.

Warum?

Cäsium-134 hat eine Halbwertszeit von gut zwei Jahren und Cäsium-137 von über 30 Jahren, während die meisten Jodisotope nur eine Halbwertszeit von wenigen Sekunden bis wenigen Tagen besitzen – eine Ausnahme betrifft Jod-129 mit einer Halbwertszeit von 15 Mio. Jahren. Es ist also unwahrscheinlich, dass größere Mengen Jod über den Nahrungskreislauf auf dem Teller landen, weil insbesondere von Jod-131 nach drei Monaten kaum etwas zu messen wäre. Bei Cäsium kann die Sache ganz anders aussehen, da es sich über Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg hält. Das beste Beispiel sind die durch die Tschernobyl.-Katastrophe kontaminierten Gebiete in Bayern, wo Pilze nicht genießbar sind und verseuchtes Wildfleisch entsorgt werden muss.

Es gibt aber noch einen anderen Umstand, der die Cäsiumwerte wichtiger erscheinen läßt: Die pure Menge!

Betrachten wir einmal die Grenzwerte: In Japan gilt für radioaktives Jod ein Grenzwert von 2.000 Becquerel pro Kilogramm Meerwasser. Für radioaktives Cäsium gilt ein Grenzwert von 500 Becquerel pro Kilogramm Meerwasser. Es ist also mehr Jod als Cäsium im Meerwasser erlaubt, richtig? Falsch!

Die Einheit Becquerel (Bq) gibt die Anzahl der Kernzerfälle pro Sekunde an. 2.000 Bq/kg für Jod bedeutet also, dass pro Liter Wasser 2.000 Jodatome in der Sekunde zerfallen dürfen. Analog der Grenzwert für Cäsium. Mehr sagt der Grenzwert nicht aus. Man kann allerdings die Mengen anhand der Molmasse und der Halbwertszeit ausrechnen. Da kommt man auf Grenzwerte von 0,43 Picogramm (pg) pro Kilogramm für Jod und  0,16 Nanogramm (ng) pro Kilogramm Wasser für Cäsium. Ein Picogramm entspricht einem Billionstel Gramm und ein Nanogramm einem Milliardstel Gramm. Sehr, sehr geringe Mengen, also.

Man hat jetzt die 3.355-fache Menge des Grenzwerts an Jod-131 gemessen. Das macht eine Gesamtmenge von 1,46 ng pro Kilogramm Meerwasser. Geht man nun von einem Verhältnis von 1:30 von Kernzerfällen von Cäsium zu Jod aus – diese Ratio hat bisher immer in etwa gestimmt –, so kommt man auf etwa 69,7 ng Cäsium pro Kilo Wasser.

Sicher, Jod-131 kann sich direkt in der Schilddrüse anreichern und dort Schilddrüsenkrebs hervorrufen. Aber auch Cäsium reichert sich im Körper an: Es kann Kalium im Körper ersetzen und sammelt sich im Muskelgewebe und teilweise in den Knochen. Dort kann es ein Leben lang vor sich hin strahlen und den Körperzellen eine lange, niedrige Strahlendosis verpassen. Beachtet man den, nach Dr. Abram Petkau benannten, Petkau-Effekt, der besagt, dass ein eine lange, niedrige Dosis genauso schädlich ist, wie eine kurze, hohe Dosis, ist das kein gutes Zeichen. Es gibt kritische Wissenschaftler, wie beispielsweise vom französischen  CRIIRAD oder der deutschen Gesellschaft für Strahlenschutz, die deswegen die aktuellen Grenzwerte als zu hoch betrachten.

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